10.12.2020 Vernissage der Ausstellung MASHUP

Mashup_Romana Brandstätter und Hanna Hollmann_Galerie Frewein-Kazakbaev_os_2020

MASHUP – Arbeiten von Romana Brandstätter und Hanna Hollmann im Dialog

In der Ausstellung „MASHUP“ treten die Arbeiten zweier Künstlerinnen in Dialog, die bei aller Unterschiedlichkeit in formaler und konzeptueller Hinsicht vielfältige Ansatzpunkte bieten, um sie in ein reizvolles ästhetisches wie auch thematisches Spannungsverhältnis zu setzen. Dieses beruht einerseits auf Gemeinsamkeiten – wie die Beschäftigung mit ähnlichen Themen, aber auch einer da wie dort ausgeprägten, Parallelen aufweisenden Formensprache – und resultiert andererseits aus einander eher gegenläufigen Eigenschaften und Charakteristika, wie Abstraktion versus Figuration oder achromatischer Reduktion gegenüber sinnlicher Farbfülle.

 

Die sich daraus entwickelnde facettenreiche und faszinierende Wechselwirkung der Werke von Romana Brandstätter (*1978) und Hanna Hollmann (*1980) erweitert in beiderlei Richtung den Deutungshorizont und erzeugt zusätzliche Impulse. Als würden die Arbeiten in einem Verhältnis wie jenem von Frage und Antwort oder auch von antagonistischen Positionen stehen, treten umso deutlicher die künstlerische Handschrift, unverkennbare Merkmale und Qualitäten hervor. Zugleich kristallisiert sich Verbindendes heraus.

 

Ästhetische Verfahren als Wege zur Erkenntnis

Gemeinsam ist den beiden Künstlerinnen, dass sie durch ihre ästhetischen Verfahren und Arbeitsweisen den eigenen Erkenntnisprozess vorantreiben. So nähert sich Hanna Hollmann durch Konzentration diversen Objekten an, um sich im selben Moment vom Objektbezug zu lösen. Ihre Zeichnungen bilden nicht nur ab, sondern verorten vielmehr einen Impuls und erhalten dadurch eine bewusst unbewusst gesetzte Bilddynamik. „Ebenen überlagern sich, Eindeutigkeit verschwindet, Spurenhaftes rückt in den Vordergrund und wird Teil der Bildfindung“, so die Künstlerin. Wie bei Variationen in der Musik setzt sie statt aufs perfekte Blatt auf das Ausloten einer Vielzahl an Möglichkeiten, um sich einem Motiv anzunähern.

 

Romana Brandstätter hinterfragt in ihren Arbeiten unter anderem die Wahrnehmung und Auffassung von Wirklichkeit. Ausgehend davon, dass wir alle sprichwörtlich in unserer eigenen Welt leben, sieht sie zwar große Überschneidungen bei den „Einzelwirklichkeiten“, hält allerdings das sich individuell Unterscheidende für wesentlich. So versucht sie, die Figuren in ihren Bildern in deren ganz eigenen, momentanen Welt bzw. Wirklichkeit zu fassen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der verschwimmenden Grenze von Traum und Wirklichkeit zu, wie die Künstlerin erklärt: „Ich verstehe Träume als ein Wachen im Schlaf und ein Reisen in unsere innere Wirklichkeit, die zur Katharsis, zur inneren Klärung und (Selbst-)Erkenntnis führen kann.“ Eine große Faszination übe Surreales wie das Alogische und die Unbegrenztheit der Möglichkeiten in den Traumwelten auf sie aus.

 

Das ausgesetzte Individuum in hintergründiger, vielschichtiger Begegnung mit der Natur

„Es sind die Fragilität und Ausgesetztheit des Individuums – sowohl im bewussten als auch im unbewussten Dasein – Spannungsfelder wie Nähe und Distanz oder Eingrenzung und Unbegrenztheit, die mich beschäftigen“, so Brandstätter. In ihren großformatigeren Bildern finden sich die Figuren – das fragile, sich selbst überlassene Individuum – meist sind es Kinder oder Jugendliche – inmitten der Natur, wobei diese oft an Traumlandschaften erinnert, sei es durch das Aufheben der Schwerkraft, irreale Proportionen oder irritierende Details. So changieren die Szenerien zwischen Idealtypischem und Rätselhaftem, vermitteln Idylle wie auch Befremden, Naturnähe wie auch Entrücktheit, und offenbart sich etwa „unheimliche Geborgenheit“ als doppeldeutig. Auch bei menschenleeren Landschaften hebt die Künstlerin in der Natur vorfindliche Strukturen hervor und vertieft sich ebenso bei ihren rein naturalistischen Darstellungen in Details.

 

Durch die beiden letzten Aspekte treffen sich Brandstätters Werke in besonderem Maße mit jenen von Hanna Hollmann. Als Inspiration für ihre Herangehensweise nennt die Künstlerin  „die Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung bzw. deren Übersetzung, das Ineinandergreifen von sichtbaren und unsichtbaren Abläufen, das Zusammenspiel und die Zusammengehörigkeit von allem in der Natur – deren ausufernd dringliches Wachstum sowie die Vergänglichkeit von allem Gewachsenen.“ Sie sammelt Schnüre und Fäden, liest Weggeworfenes auf, untersucht, betrachtet, beginnt zu zeichnen, zu drucken, zu collagieren. Assoziationsräume sollen sich öffnen, so Hollmann. Überlagerungen, Kratzer, Einschlüsse von Schmutz und Fehlstellen werden wesentlicher Bestandteil der Bildkompositionen, die in Brandstätters phantasmagorischen Irritationen ihren Widerhall finden, wodurch die gemeinsame Ausstellung MASHUP um sublime Wechselbeziehungen bereichert wird.

Olaf Sailer

 

susanne